Raum der Andacht

Kassel

Die heilige Hure - dieser Spagat bezüglich der weiblichen Idealvorstellung gehört zur menschlichen Kulturgeschichte wie - pardon - das Amen in der Kirche.
Obwohl immer weniger Stimmen nach der sonntäglichen Predigt den Gebetsabschluss ertönen lassen, ließ sich in den letzten Jahren ein erhöhter Drang der Menschen nach Spiritualität nachweisen.
Womöglich bezieht sich das auch auf jenes für überwunden geglaubte Idealbild. Thema ist dieses Bild für Ariane Zuber. In ihrer Ausstellung "Sinnbild oder Trugbild" beschäftigt sie sich mit der Suche nach "weiblichen Identifikationsmöglichkeiten". So werden die Besucher gleich zu Beginn von den beiden Extrempolen jenes Frauenbildes begrüßt.
Nicht ohne Humor stellt es sich in Form eines realistische gemalten Triptichons dar: Die linke Seitentafel wird von schwarzen Reptillederschuhen à la Domina bestimmt. Subtiler die Darstellung des heiligen Gegenteils; Faltenwürfe in Blau und Rot, den symbolischen Farben der Jungfrau Maria, werden von einer Art Krone begleitet (die jedoch stark an Weihnachtslametta erinnert).
Die Mitteltafelzeigt einen bedrohlichen Turm - aus übereinandergestapelten Töpfen. In einem Raum der Andacht bieten verschiedene collagenartige Altäre die Möglichkeit, der bevorzugten "ikonenhafter Transformation der Frau" wie Hexe, Sexidol oder Muttergöttin zu huldigen.

Samtkissen und Räucherstäbchen liegen bereit. Ist's Spaß oder Ernst?
Ariane Zuber, die Humor als wichtiges künstlerisches Mittel ansieht, möchte sich keinesfalls lustig machen. Ironisiert erscheinen die sakralen Überhöhungen aber auch nicht. Eine Installation, die Widerspruch erregt - und damit erreicht, was sie will.
Regina Bärthel
HNA
26. Januar 2000

Zurück